Die Ereignisse in der Ukraine sind wichtig. Wenn aber alle Kameras und Redaktionen auf das Eine gerichtet sind, heißt es, auch mal anderswo hinzuschauen: in die Arktis. Die Chancen für die globale Einflussnahme dort stehen auf fast absurde Weise zugunsten Moskaus.

Die Ukraine ist nicht die einzige Domäne, in der sich das Schicksal der zukünftigen internationalen Ordnung entscheidet. Wir wissen, dass laut Shakespeare die Welt eine Bühne ist. Demnach ist Osteuropa gerade die Hauptvorführung für den gemeinen Bürger des Westens. Es gibt aber einen weiteren Schauplatz des geostrategischen Spiels: Die Arktis.

Am Rande des arktischen Ozeans existieren bekannte Vorkommen seltener Metalle und Edelmetalle. Verschiedenen wissenschaftlichen Schätzungen zufolge soll die Arktis ungefähr ein Viertel der gesamten fossilen Brennstoffe der Erde beherbergen. In heutigem Geld gerechnet entspräche dies 35 Billionen US-Dollar (zum besseren Verständnis: 35.000 Milliarden US-Dollar). Welcher regionale Hegemon – die USA, Russland oder China – es auch immer schafft, sich den Großteil des „arktischen Kuchens“ zu sichern, erlangt eine präzedenzlose Vormachtstellung. China ist sowieso im Boot mit Russland. Der einzige wirkliche Gegenspieler ist somit der arktische Newcomer aus Nordamerika.

Ein neuer Handelsweg

Wenigen ist die Nördliche Seeroute (NSR) geläufig. Es ist eine, im Vergleich zu den anderen, blutjunge Handelsroute, die vor allem entlang der russischen Arktisküste von der Karasee bis hin zur Beringstraße verläuft. Sie wurde erstmals von einem skandinavischen Geologen vor 150 Jahren erschlossen. Aber dass sich die Strecke mit den modernen, den Globalismus aufrechterhaltenden Handelsrouten messen konnte, ist der russischen Arbeit der letzten Dekade gedankt.

Dieser signifikante Teil der Arktisküste ist außerdem ein Segment der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) der Russischen Föderation. Die Moskauer Führung ist sich deshalb ihrer Hoheitsbefugnisse und damit verbundenen souveränen Rechte mehr als bewusst. Seit über hundert Jahren obliegt die Seeroute russischer bzw. sowjetischer Verwaltung, heute als „Hauptverwaltung Nördlicher Seeweg“ (russisches Akronym: GlawSewMorPut) bekannt.

Seitdem die am Nordpol schmelzenden Eiskappen an Fahrt gewonnen haben, kristallisierte sich für die aufmerksamen Russen die Tatsache heraus, dass das einst „ewige Eis“ dort mit der Technologie des Menschen geregelt durchquert werden kann. 2017 war es dann so weit, als der erste russische Öltanker ohne Hilfe eines Eisbrechers die arktischen Gewässer passierte.

Der direkte Vergleich: NSR und der Suezkanal

Im Schnitt dauert es 48 Tage, um eine volle Durchfahrt von Asien, südwärts über den Indischen Ozean und durch den Suezkanal, das Mittelmeer, entlang der europäischen Atlantikküste, bis hin zum Hafen von Rotterdam zu absolvieren. Die russisch-kontrollierte NSR nimmt lediglich 19 Tage für dieselbe Relation des Handels zwischen Asien und Europa in Anspruch – eine Einsparung von über 60 Prozent. Diese drastische Minimierung der Ressourcen-Ausgaben betrifft Zeit genauso wie Treibstoff. Gleiches gilt auch für die Personalkosten und das Chartern von Schiffen. Der Aufwand ist notgedrungen viel niedriger. Im Gegensatz zum Suezkanal werden bei der NSR keine Gebühren für die Passage erhoben und es gibt auch keine Warteschlangen wie im März 2021, als das Containerschiff „Evergreen“ im Suezkanal steckengeblieben ist, den Kanal für sechs Tage vollkommen blockierte und täglich circa neun Milliarden US-Dollar an Verlusten generierte.

Zu guter Letzt – und das ist wichtig in der Antizipation des baldigen Kollapses der westlichen Finanzordnung – schließt die Nördliche Seeroute die Gefahr der am Suezkanal gängigen Piratenangriffe geradezu völlig aus. Das ist um so bedeutender, als sich Piratenangriffe am Suezkanal und auf anderen etablierten Handelsrouten in Zukunft bedauerlicherweise verschlimmern und häufen werden.

Um diese offensichtlichen Vorteile optimal zu nutzen, haben die Russen offiziell seit 2018 (eigentlich viel früher) eine multidisziplinäre Strategie für Investitionen und Infrastrukturausbau konzipiert, deren Umsetzung sich bereits im vollen Gange befindet.

Rosneft und der arktische Außenposten

Die russische Taimyr-Halbinsel gilt als die nördlichste Spitze des kontinentalen Festlandteils der Erde. Dort wird ein neuer Hafen gebaut, der in seinem technologischen Umfang und Aufwand auf der Welt einzigartig ist, besonders auf dem Gebiet der Erdölförderung. Insgesamt haben Russland und sein Staatsunternehmen Rosneft bisher Kapital im Wert von 110 Milliarden US-Dollar in das Großprojekt investiert. Bis zu 400.000 Arbeiter sind für den Ausbau und das Funktionieren des Hafens vorgesehen. Dazu gehört ein elaboriertes, widerstandsfähiges Netzwerk von Autobahnen und zwei neue Flughäfen. Außerdem gehören neue Eisenbahn-Routen und neue Urbanisierung (die vorerst schon über ein Dutzend neuer Dörfer beinhaltet) dazu. Eine 800 Kilometer lange Erdöl-Pipeline, die in den neuen Hafen führt, wurde ebenfalls gebaut. Dort kann das „schwarze Gold“ auf bis zu zehn neue Eistanker (von insgesamt 40) gleichzeitig geladen und über die NSR weitertransportiert werden. Von den bereits erwähnten 40 hochmodernen russischen Eistankern sind acht atomar betriebene Eisbrecher. Aus technologischer Sicht handelt es sich um eine wissenschaftliche Errungenschaft, die zurzeit einzigartig ist. Viel mehr Einheiten sind in Planung und es ist heute die einzige Flotte dieser Art, weltweit. Wir haben bereits im letzten Jahr die verblüffende Überlegenheit des russischen Staatsunternehmens Rosneft im weltweiten Vergleich auf dem Gebiet der Nukleartechnik hervorgehoben.

Die erste Glasfaserkabel-Installation in der Arktis geht auch auf dasselbe ambitionierte Staatsunterfangen zurück, was sicherlich zu einem besseren Internet-Empfang als in Berlin geführt hat. Die Bevölkerung des russischen Nordens ‒ 2,5 Millionen Menschen,  die Hälfte der gesamten arktischen Population ‒ profitiert von dem verbesserten Internetzugang.

Der rasante Bau neuer Stützpunkte in der Arktis durch Russland betrifft nicht nur zivile, sondern auch militärische Einrichtungen. Es wird die Restaurierung von mittlerweile 50 stillgelegten sowjetischen Stützpunkten vorangetrieben. Der militärische Aspekt ist natürlich seit den Ereignissen des vergangenen Jahres besonders aktuell. Mit der (noch) gemäßigten Involvierung der NATO in den Ukrainekrieg und den wahrscheinlichen NATO-Beitritten Schwedens und Finnlands nimmt Russlands arktische Militärpositionierung rasant an Schwung zu. Hinzu kommen 16 arktische Tiefseehäfen und 13 Luftwaffenstützpunkte, die allesamt von S-400 Boden-Luft-Raketensystemen geschützt werden.

Bis 2025 will Russland imstande sein, 25 Millionen Tonnen Erdöl pro Jahr über die NSR auszuliefern – bis 2030 sind 100 Millionen Tonnen Erdöl pro Jahr geplant. Im Jahr 2021 hat Russland insgesamt 230 Millionen Tonnen Erdöl exportiert. Dank des raschen Ausbaus der NSR könnte Moskau in der nächsten Dekade seinen Erdöl-Export um potenziell über 40 Prozent erhöhen.

Der Drache als Partner – Onkel Sam als Statist

China ist sich des unfassbaren Potenzials des oben Beschriebenen bewusst. Der neue „Über-Hafen“ der Russen allein reicht jedoch nicht aus, um das volle Potenzial der NSR auszuschöpfen. Selbst ohne eine arktische Küste hat Peking deshalb in enger Partnerschaft mit Moskau einen hohen Einsatz in das arktische Infrastrukturprojekt getätigt. Im Rahmen einer „polaren Seidenstraße“ hat sich Xi Jinping bereiterklärt, mehrere weitere hochmoderne Hafenprojekte entlang der arktischen Linie zu finanzieren, was China zum wichtigsten Investor Russlands macht. Das Reich der Mitte ist aber schon seit Jahrzehnten an der Arktis interessiert, erforscht mit seinem eigenen Eisbrecher Xue Long 2 stetig die Gegend und führt Expeditionen durch. China projiziert auch seine arktischen Ambitionen nach militärischer Präsenz regelmäßig – alles sehr zum Missfallen des Wertewestens.

Auch Südkorea und die Vereinigten Arabischen Emirate wollen mit Russland gemeinsame Infrastruktur schaffen, um die Handelsroute voll zu nutzen.

Die US-amerikanische Führung hat in den letzten Jahrzehnten die „arktische Frage“ vernachlässigt. Keine Militär-Stützpunkte, keine Flughäfen, Tiefwasserhäfen oder herkömmliche, moderne Häfen. Einzig der ehemalige US-Präsident Donald J. Trump war sich des nördlichen Wettrüstens einigermaßen bewusst, konnte aber das US-Establishment nicht mobilisieren, frühzeitige Gegenmaßnahmen zu treffen. Einer der konkreten Vorschläge Trumps war es, Grönland von den Dänen abzukaufen. Er sah wohl eine ähnliche Transaktion vor wie den Kauf Alaskas von 1867, als der russische Zar Alexander II. den USA das Gebiet für einen buchstäblichen Schleuderpreis verkaufte.

Grönland gilt als wichtige arktische Teilregion, die in den Händen Washingtons die jetzige zugunsten Russlands bestehende Asymmetrie etwas hätte ausgleichen können. Grönland wird jedoch von China und den USA gleichzeitig umkämpft, was Politico vor ein paar Monaten recht übersichtlich aufgearbeitet hat.

Selbst wenn eine US-amerikanische Übernahme Grönlands zustande gekommen wäre – Trumps Vorschlag wurde von den Medien und den Dänen mit Vorsicht genossen –, hätte es sich nicht um eine so nichtige Summe wie vor 156 Jahren beim Alaska-Kauf gehandelt. Inflationsbereinigt entspräche der damalige Preis für Alaska heute weit weniger als 140 Millionen US-Dollar. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der BRD zum Beispiel bezog 2021 Zwangsgebühren im Wert von umgerechnet über neun Milliarden US-Dollar. Kurz: Selbst für das Zuhause der westlichen Weltfinanz wäre „die größte Insel der Erde“ unbezahlbar.

Des Weiteren wären die US-Amerikaner damit noch nicht den kolossalen Vorsprung angegangen, den sich die Russen mittlerweile mit ihrer Infrastruktur-Entwicklung und technischen Innovation im arktischen Transport erarbeitet haben. Bislang sind sie mit kosmetischen Änderungen ihres Einflusses auf die Arktis beschäftigt: Sie haben einen kaputten Eisbrecher mittlerer Größe, „USCGC Healy“, der schon seit 2020 sehnsüchtig auf eine Reparatur wartet, und einen zwar funktionierenden Eisbrecher namens „USCGC Polar Star“, der aber schon 47 Jahre alt ist und eine konstante technische Zumutung darstellt. Außerdem wurde 2021 angekündigt, bald einen modernen Eisbrecher aus dem privaten Sektor anzuschaffen.

Im Oktober letzten Jahres, schon unter US-Präsident Joe Biden, wurde eine schwammige Hintertür-Strategie für die Arktis veröffentlicht. Konkrete Maßnahmen sind dort nicht zu finden, da die Demokraten einen unangenehmen Spagat laufend aufrechterhalten müssen: Die weltrettende Klimareligion darf nicht verletzt werden, während eine das Klima schädigende Macht-Projektion in der Arktis trotzdem begonnen werden muss. Washington D.C. kann es sich mit der Klima-Lobby nicht verscherzen, da diese mittlerweile einen entscheidenden Einfluss in der westlichen Hemisphäre ausübt – wozu die USA selbst viel beitragen.

Womöglich setzt Washington auch auf seine Partnerschaft mit dem NATO-Mitglied Norwegen, das mit der Inselgruppe Spitzbergen ebenfalls Zugang zur Arktis hat. Schon im Oktober 2018 gab es Berichte, dass Oslo Sorgen über Russlands sprunghafte Entwicklung im Norden hegt. Im Jahr darauf wurde die Präsenz der US-Streitkräfte auf Oslos Bitte hin verdoppelt und aus dem Zentrum Norwegens nach Troms verlegt: eine Provinz im Norden des Landes und somit viel näher an Russland. Indessen erscheinen die neuesten Berichte über die Vertiefung der militärischen Zusammenarbeit zwischen Schweden und den USA: natürlich nicht „mehr schwedische Soldaten in Colorado oder Kansas“, sondern „mehr US-Truppen, die in Schweden stationiert werden“ – wahrscheinlich auch eher nördlich.

In einer idealen Welt würden die USA den russischen Quantensprung, der an der Arktis und entlang ihrer Gewässer vollbracht wird, gleichmütig währen lassen. Da wir aber nun mal in einer ganz anderen Welt leben, könnte am Nordpol ein plötzliches, „liberale Demokratie förderndes“ Pulverfass gezündet werden, das bedauerlicherweise den eigentlichen globalen Krieg auslöst. Zumal für die Arktis – und ihre zukünftige Verwendung – keine internationale Übereinkunft zur friedlichen Nutzung, wie mit der Antarktis, definiert wurde.

Quelle: Elem Chintsky via R T

Elem Chintsky ist ein deutsch-polnischer Journalist, der zu geopolitischen, historischen, finanziellen und kulturellen Themen schreibt. Die fruchtbare Zusammenarbeit mit RT DE besteht seit 2017. Seit Anfang 2020 lebt und arbeitet der freischaffende Autor im russischen Sankt Petersburg. Der ursprünglich als Filmregisseur und Drehbuchautor ausgebildete Chintsky betreibt außerdem einen eigenen Kanal auf Telegram, wo man noch mehr von ihm lesen kann.

Von Morpheus

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