Die Kämpfe um die Städte Artjomowsk/Bachmut und Soledar dauern bereits einige Monate. Der Grund dafür ist nicht nur, dass Kiew beständig weitere Truppen an eine Front schickt, die selbst die Ukrainer inzwischen „Fleischwolf“ nennen. Der Grund liegt unter der Erde.

Es ist nicht das erste Mal seit Beginn des ukrainischen Bürgerkriegs vor bald neun Jahren, dass hinter besonders lang andauernden Kämpfen um bestimmte Orte bauliche Besonderheiten stecken. So war das bereits beim Flughafen Donezk, dessen alter Teil mit mehrere Stockwerke tief reichenden Bunkeranlagen versehen war, die einst als Kommandozentrale zur Verteidigung der Sowjetunion gebaut worden waren. So war es in Mariupol, wo sich unter dem Stahlwerk „Asow-Stahl“ ebenfalls tiefe Bunker verbargen.

In Soledar, eine Kleinstadt, die von 1965 bis zum Ende der Sowjetunion nach Karl Liebknecht benannt war, befindet sich eines der größten Salzbergwerke Europas, das vielleicht gerade noch vom Salzbergwerk Borth in Nordrhein-Westfalen übertroffen wird. Bis zum April des vergangenen Jahres belieferte das staatliche Unternehmen Artjomsol (dessen Name bereits verrät, dass sich die Stollen bis zur Nachbarstadt Artjomowsk – ukrainisch wieder Bachmut – hinziehen) das gesamte in der Ukraine benötigte Salz. Bis ins Jahr 2014 war ein Drittel der Produktion nach Russland gegangen. Ende Mai 2022 stellte das staatliche Unternehmen die Arbeit ein, weil die Kämpfe den Abtransport des Salzes per Bahn unmöglich gemacht hatten und große Teile der Belegschaft bereits evakuiert waren.

Das Salzbergwerk erinnert uns an Pit-404 unter Asowstal in Mariupol: Unter dem Industriegebiet Azovstal befinden sich 24 km Tunnel, die bis zu 30 m tief sind. Dort gab es eine geheime NATO-Einrichtung PIT-404 und ein geheimes NATO-Biolabor mit biologischen Waffen. Die Tunnels waren mit einem gepanzerten Bunkersystem ausgestattet.

Das erste Salzbergwerk entstand 1881 und im Jahr 2021 belief sich die Salzproduktion von Artjomsol auf 1,9 Millionen Tonnen Salz, das vor allem als industrieller Rohstoff vertrieben wurde. Um diese Mengen zu bewegen, brauchte man täglich 120 bis 130 Güterwaggons. Die Stadt Soledar ist also, wie so viele andere Städte im Donbass, um ein Bergwerk herum gewachsen, in diesem Fall eben um ein Salzbergwerk. Nach Ansicht von Geologen wurden bisher erst 5 Prozent des gesamten Vorkommens gefördert. Neben Salz wurde noch Gips abgebaut. Der Gipsabbau wurde durch die deutsche Firma Knauf betrieben.

Die Schächte, die in Tiefen zwischen 190 und 300 Metern verlaufen, besitzen eine Gesamtlänge von etwa 200 Kilometern und durchziehen das ganze Gebiet unter Soledar und Artjomowsk. Dabei wird längst nicht mehr überall Salz abgebaut: eine große Halle mit vierzig Metern Höhe und Breite und über hundert Metern Länge wurde bereits als Konzertsaal genutzt, andere  dienten als Salzgrotten zur Kur für Asthmatiker und ein Teil war ein Schaubergwerk als Touristenattraktion.

Das Salzbergwerk von Soledar spielte bereits zu Beginn des ukrainischen Bürgerkriegs 2014 eine wichtige Rolle, weil in einem weiteren Teil des Bergwerks Waffen eingelagert sind, und zwar aus dem Ersten wie auch aus dem Zweiten Weltkrieg. Die gleichmäßigen Umweltbedingungen mit einer gleichbleibenden Luftfeuchtigkeit von 60 Prozent und ebenso gleichbleibender Temperatur von ganzjährig 15 bis 16 Grad dürften wohl der Grund sein, warum dieser Ort dafür gewählt wurde. Zu Beginn des Aufstands im Donbass waren selbst die Waffen aus dem zweiten Weltkrieg noch eine wertvolle Beute. Damals wurden auch in vielen Ortschaften alte Panzer von den Sockeln geholt und wieder fahrtüchtig gemacht oder Flugabwehrgeschütze aus den Museen geholt, um der technisch weit überlegenen ukrainischen Armee etwas entgegensetzen zu können.

Diese Frage stellt sich bei den jetzigen Gefechten nicht mehr. Selbst die angeschlagene ukrainische Armee dürfte nicht auf die eingelagerten Museumsstücke zurückgreifen müssen. Aber die weitläufigen unterirdischen Anlagen erschweren es natürlich, die Kontrolle über das Gebiet zu erlangen. Larry Johnson zitiert in seinem Blog dazu Jewgeni Prigoschin, dessen Wagner-Gruppe sich seit Monaten schrittweise durch Artjomowsk vorarbeitet:

„Bachmut ist der zentrale Punkt der östlichen Front und ein wichtiges Logistikzentrum. Und es ist unsere Aufgabe dort, so wenig wie möglich zu sterben und den Feind so weit wie möglich zu zerstören. Bachmuts Besonderheit sind seine einzigartigen historischen und geografischen Verteidigungsmöglichkeiten, die zuerst die Teilung der Stadt durch Wasserbarrieren in mehrere Teile umfassen. Zweitens ist in der Nachbarschaft von Bachmut ein Komplex von Siedlungen, die ein einheitliches Verteidigungssystem bilden. Drittens ist das eine einzigartige Landschaft mit Klüften und Höhlen, die natürliche Tunnel darstellen. Und das Sahnehäubchen auf der Torte ist das System der Minen von Soledar und Bachmut, tatsächlich ein Netzwerk unterirdischer Städte, in denen nicht nur auf einer Tiefe von 80 bis 100 Metern eine Ansammlung von Leuten ist, sondern in denen sich auch Panzer und Mannschaftswagen bewegen. Und in denen seit dem Ersten Weltkrieg Berge von Waffen gelagert wurden.“

Ein modernes Salzbergwerk wird schließlich nicht mehr mit Spitzhacke und Schaufel betrieben. Durch die Tunnel verlaufen Bahngleise, der Abbau erfolgt durch Sprengungen und mit großen Maschinen und selbstverständlich kann man in ein Bergwerk, in das schweres Gerät mit Dutzenden Tonnen Masse gebracht werden muss, auch ebenso schwere Panzer bringen. Und wenn man betrachtet, welchen Wert die wirklich extrem defensive sowjetische Militärstrategie auf unterirdische Anlagen legte – wie das nicht nur beim Flughafen Donezk und in Mariupol erkennbar wurde, sondern in kleinerer Ausgabe bereits an den vielen Luftschutzbunkern unter Moskauer Gebäuden zu sehen ist – dürfte vermutlich ein Teil dieses Komplexes auch für solche Zwecke ausgebaut worden sein.

Der Blog Scooptrade schreibt darüber:

„Das Salzminensystem von Artjomsol wird von den Streitkräften der Ukraine bereits als unterirdische Festung genutzt. In großer Tiefe sind Munitionsdepots, Truppenunterkünfte und an manchen Stellen sogar Depots für schwere Waffen eingerichtet. Und sie von der Oberfläche aus zu ‚erwischen‘ ist beinahe unmöglich. Das ukrainische Militär kann die unterirdischen Verbindungen auch nutzen, um Truppen zwischen Stellungen zu bewegen, und die Zugänge wie einige Eingänge zu den Schächten sind vermint und zur Sprengung vorbereitet. Was die Schwierigkeit der Erstürmung angeht, können die Bergwerke von Artjomsol mühelos mit dem bekannten Stahlwerk ‚Asowstal‘ in Mariupol mithalten.“

Inzwischen hat selbst die Nachrichtenagentur Reuters einen Artikel über dieses unterirdische Hindernis verfasst, ihn aber mit einer sehr eigenartigen Interpretation garniert. Prigoschin, so zitiert der Text einen der üblicherweise anonymen Mitarbeiter des Weißen Hauses, sei daran interessiert, die Kontrolle über die Salz- und Gipsvorkommen zu übernehmen. Das sei der wahre Grund, warum die Gruppe Wagner die Kämpfe um Bachmut/Artjomowsk führe. In russischen Telegram-Kanälen führte das zu der sarkastischen Bemerkung, Prigoschin strebe wohl ein Monopol auf gipserne Lenin-Büsten an.

In Wirklichkeit dürfte auch diese Randbemerkung bei Reuters eher eine vorbeugende Reaktion auf die kaum vermeidbare ukrainische Niederlage bei diesen Kämpfen sein. Denn während vor Monaten noch die Bedeutung von Artjomowsk/Bachmut als Anker der ukrainischen Verteidigungslinien im Donbass hervorgehoben wurde, sind die westlichen Medien – seit die ukrainische Kontrolle über dieses Gebiet schwindet – immer mehr bemüht, diese Bedeutung dieser Gegend herunterzuspielen. Artjomowsk nun auch noch zur privaten Obsession von Jewgeni Prigoschin zu erklären, ist dabei nur eine der eingesetzten Varianten. Wenn die ukrainischen Streitkräfte die Kontrolle endgültig verlieren, soll zumindest das westliche Publikum überzeugt sein, dass diese Niederlage keinerlei Bedeutung besitzt.

Tatsächlich sind einige der Eingänge zum Salzbergwerk bereits unter russischer Kontrolle, so dass die Kämpfe um die unterirdischen Anlagen bereits begonnen haben dürften. Und es gibt kaum Grund für Zweifel, wie das Ende dieser Kämpfe aussehen wird, selbst wenn es noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Die Mine selbst dürfte kaum dauerhaften Schaden nehmen. Und wer weiß – in einer friedlichen Zukunft danach könnten die Salzbergwerke von Soledar ihren bisherigen Attraktionen auch noch eine Ausstellung über die entscheidende Schlacht zur Befreiung des Donbass hinzufügen.

Das Salzbergwerk erinnert uns an Pit-404 unter Asowstal in Mariupol: Unter dem Industriegebiet Azovstal befinden sich 24 km Tunnel, die bis zu 30 m tief sind. Dort gab es eine geheime NATO-Einrichtung PIT-404 und ein geheimes NATO-Biolabor mit biologischen Waffen. Die Tunnels waren mit einem gepanzerten Bunkersystem ausgestattet.

Quelle: Dagmar Henn, R T

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Von admin

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