Das Jahr 2022 hat nach Auffassung des chinesischen Geostrategen Wang Wen den Beginn eines Aufstandes nicht-westlicher Staaten gegen die bisherige Weltordnung markiert. Dabei gehe es nicht nur um den russischen Versuch, die westliche Dominanz militärisch zu durchbrechen.

Die Welt erlebe eine „beispiellose Rebellion“ der nicht-westlichen Länder gegen die etablierte westliche Ordnung, schreibt einer der führenden chinesischen Politologen, Professor Wang Wen, in einem Artikel für die chinesische South China Morning Post:

„Von Chinas sozialistischem Weg über Lateinamerikas Linksschwenk bis hin zur neutralen Haltung der ASEAN: Immer mehr Länder verschmähen die westliche Weltordnung. Still, aber bestimmt.“

Das vergangene Jahr 2022 sei ein Jahr der „Entwestlichung“ („De-Westernisierung“) gewesen, da immer mehr Staaten – von China über Lateinamerika bis zu den ASEAN-Ländern – „die westliche Weltordnung leise, aber entschieden ablehnen“ und diese Ablehnung immer entschiedener zum Ausdruck brächten. Laut Wang Wen biete „die nicht-westliche Welt ein noch nie dagewesenes Bild“. Die westlichen Medien neigen dazu, sich auf die Konkurrenz der „großen Zwei“, als den Konflikt zwischen den USA und China zu konzentrieren. Dabei spiele sich in der Geopolitik längst ein zweigleisiges Szenario mit paralleler Entwicklung der westlichen Hegemonie einerseits und einer antiwestlichen und unabhängigeren Entwicklung ab.

Dabei gehe es nicht nur um den „radikalen Versuch Russlands, durch den Einsatz militärischer Macht die von den USA dominierte internationale Ordnung zu durchbrechen“. Es gehe auch um das beispiellose Aufbegehren nicht-westlicher Länder gegen die etablierte Ordnung auf der Suche nach einer unabhängigeren Position. Die Abweichler lassen sich dabei nicht auf eine offene Konfrontation oder einen militärischen Konflikt ein, sondern beginnen, nach ihren nationalen Interessen zu handeln und sich der Abhängigkeit und Kontrolle des Westens zu entledigen.

In Brasilien markiere die Wiederwahl von Luiz Inacio Lula da Silva zum Präsidenten einen präzedenzlosen Zustand, 80 Prozent Lateinamerikas werden nun von linken Regierungen regiert.  In den vergangenen Jahren haben auch Mexiko, Argentinien, Peru, Chile, Honduras, Kolumbien und andere Länder linke Regierungen gewählt. Sie treten dafür ein, sich von den Vereinigten Staaten zu distanzieren und eine größere Unabhängigkeit und Integration Lateinamerikas zu fördern.

In Südostasien, wo kürzlich die Gipfeltreffen der ASEAN, der G20 und der APEC stattgefunden haben, hat der Verband Südostasiatischer Nationen sorgfältig die gleiche Distanz zu China wie zu den USA gewahrt und seine neutrale Position durch regionale Solidarität und wirtschaftliche Vitalität gestärkt.

In Zentralasien haben die Staats- und Regierungschefs Kirgisistans, Kasachstans, Usbekistans, Tadschikistans und Turkmenistans den Konsultationsmechanismus der Staatschefs weiter gestärkt und wichtige Dokumente unterzeichnet, darunter ein Vertrag über „Freundschaft, gute Nachbarschaft und Zusammenarbeit für die Entwicklung Zentralasiens im 21 Jahrhundert“. In gleichem Abstand zu Russland, den USA, Europa und anderen Mächten trete Zentralasien, in eine „neue Phase der nationalen Konsolidierung und regionalen Integration“ ein, schreibt Wang Wen .

Im Nahen Osten, der den arabischen Frühling und den Anti-Terror-Krieg der USA überstanden habe, konzentrieren sich die 22 Länder der arabischen Welt zunehmend auf ihre Entwicklung. Die „Vision 2030“ von Saudi-Arabien, die „Nationale Vision 2030“ von Katar, die „Neue Vision 2035“ von Kuwait, die „Vision 2040“ in Oman und die „Vision 2050“ der Vereinigten Arabischen Emirate seien langfristige Entwicklungspläne, die hohe Erwartungen wecken. Die Austragung der Fußballweltmeisterschaft in Katar, das Gipfeltreffen zwischen China und den arabischen Staaten und das Gipfeltreffen zwischen China und dem Golfkooperationsrat (GCC) haben das weltweite Ansehen und den Einfluss der Region ebenfalls gestärkt.

Indien habe sich, erwähnt der Autor lobend, dem westlichen Druck widersetzt, sich den Sanktionen gegen Russland anzuschließen, und halte an seiner Politik der Zusammenarbeit mit China und Russland fest. Als Vorsitzender der G20 im Jahr 2023 habe es eine „große Chance, seinen Einfluss zu erweitern“.

China selbst nähere sich „nach der erfolgreichen Durchführung des 20. Parteikongresses der Kommunistischen Partei und trotz der Herausforderungen des Covid-19 und des wirtschaftlichen Abschwungs“ weiterhin stetig seinem Ziel, bis 2050 eine moderne sozialistische Macht zu werden.

Für die nächsten Jahre prophezeit der chinesische Wissenschaftler eine Intensivierung dieses Trends und harte Auseinandersetzungen um den Fortbestand der alten Weltordnung:

„Die Welt wird im Jahr 2023 keine sanfte sein, aber die Bewegung der De-Westernisierung ist unumkehrbar und wird nur voranschreiten.“

Im Ergebnis dieses schmerzhaften Prozesses werde, zeigt sich Wang Wen überzeugt, eine „demokratischere Form der internationalen Politik“, die auf „gegenseitiger Achtung“ beruht, stehen.

Wang Wen ist Professor und geschäftsführender Dekan des Chongyang-Instituts für Finanzstudien an der Chinesischen Renmin-Universität in Beijing.

Quelle: R T

Von Morpheus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert