Die türkische Kampfdrohne „Bayraktar TB2“ galt noch bis vor Kurzem als eine Art Wunderwaffe, die dabei ist, die moderne Kriegsführung zu revolutionieren. Das knapp 700 Kilogramm schwere Drohnensystem kann 24 Stunden lang in der Luft bleiben, per Satellit gesteuert werden und bis zu vier Raketen mit sich führen. Im Ukraine-Krieg wurden der Bayraktar jedoch deutlich ihre Grenzen aufgezeigt.

Von Alexander Männer

Das Auftauchen der türkischen Kampfdrohne „Bayraktar TB2“ in lokalen Konflikten wie etwa in Syrien, Libyen oder Äthiopien hatte das dortige Kampfgeschehen schlagartig verändert und der neuartigen Waffe den Ruf beschert, kriegsentscheidend zu sein. Vor allem im Bergkarabach-Krieg 2020 hatte sich die „TB2“ mehr denn je als „Gamechanger“ erwiesen, da ihr Einsatz durch Aserbaidschan maßgeblich dazu beitrug, dass die (armenischen) Streitkräfte der 1991 selbsternannten und bisher von keinem Land der Welt anerkannten „Republik Bergkarabach“ sich der aserbaidschanischen Armee nach 44 Tagen geschlagen geben und einen für sich ungünstigen Waffenstillstand hinnehmen mussten.

Auch in den ersten Wochen des Ukraine-Krieges gab es zahlreiche Erfolgsmeldungen über die angeblich vielen durch die „Wunderwaffe“ Bayraktar zerstörten russischen Militärkonvois. Allerdings konnte man in den meisten Fällen bislang kaum verifizieren, ob die entsprechenden russischen Verluste tatsächlich auf die Drohnenangriffe der ukrainischen Armee zurückzuführen waren.

Die Anzeichen dafür, dass dieses in der Türkei hergestellte Drohnensystem bei Weitem nicht so effektiv ist, wie die Ukraine es gerne hätte, haben sich relativ schnell gemehrt. Zugleich tauchten immer mehr Berichte auf, wonach die TB2 die russischen Einheiten entweder gar nicht oder zumindest nicht entscheidend schwächen konnten. Inzwischen ist es um den türkischen „Exportschlager“ in den Medien sehr still geworden. Weder gibt es Meldungen über den Einsatz der Bayraktar noch über deren Abschuss durch die Russen, was darauf hindeuten kann, dass die Drohne kaum oder schon gar nicht mehr eingesetzt wird.

Bayraktar TB2 im Ukraine-Krieg

Diversen Beobachtern zufolge ist dies auf die hohen Verluste der ukrainischen Bayraktar-Flotte selbst zurückzuführen, die ihr durch die gegnerische Luftabwehr zugefügt wurden. Demnach sollen nach eigenen Angaben die Russen seit Kriegsbeginn mehr als 100 Bayraktar-TB2-Drohnen abgeschossen haben.

Dafür, dass die Bayraktar tatsächlich zahlreich von den russischen Streitkräften abgeschossen wurde und ihr Vorrat womöglich knapp wird, spricht die Haltung des ukrainischen Politikers und Vorsitzenden des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, Sergei Paschinski, in Bezug auf die ukrainischen Drohneneinsätze. Bei einem Fake-Telefonat mit den russischen Prankstern Wowan und Lexus sagte Paschinski unter anderem, dass die Bayraktar-Drohnen im Kampf gegen Russland ineffektiv seien. „Ich war dagegen, weil sie extrem anfällig gegenüber Luftverteidigungssystemen sind. Sie wurden alle innerhalb einer Woche abgeschossen. […] In der Bayraktar steckt mehr PR und Korruption drin als Potential für den Kampfeinsatz“, so Paschinski.

Bei der Herstellerfirma Baykar Industries war man über diese Aussagen alles andere als erfreut. Haluk Bayraktar, CEO von Baykar und Vater der TB2, entgegnete dem Ukrainer: „Alles, was ich Herrn Paschinski anbieten kann, ist eine Antwort: ‚Dann geht und kämpft selbst.'“

Dass die Abwesenheit der Bayraktar im aktuellen Kampfgeschehen auf einen militärischen Misserfolg der Drohne hindeutet, glaubt auch der Journalist Lars Lange. In seinem Online-Artikel führt er an, dass die TB2 im Grunde ein Kleinflugzeug mit der entsprechenden Radarsignatur sei, was sie gegenüber der hoch entwickelten und mittlerweile gut auf Drohnen eingestellten russischen Flugabwehr verwundbar mache.

„Der anfängliche Erfolg der Drohne gegen Russland ist auch dem Umstand zu verdanken, dass die Sensorik der russischen Luftabwehr auf größere und schnelle Kampfjets hin optimiert war, und nicht auf vergleichsweise kleine und sehr langsam fliegende Luftfahrzeuge“, meint Lange. Mittlerweile käme das aber dem Versuch gleich, „mit einer bewaffneten Cessna zu kämpfen“.

Elektronische Kampfführung als Gamechanger?

Ein Aspekt, der sich offenbar als sehr wirksam bei dem Anti-Drohnen-Kampf im Ukraine-Krieg erwiesen hat, waren die Maßnahmen der sogenannten „elektronischen Kampfführung“ der russischen Armee.

Bei der elektronische Kampfführung, die inzwischen für zahlreiche Staaten zu einem unverzichtbaren Bestandteil ihrer militärischen Strategie geworden ist, gilt es, die Möglichkeiten eines Gegners zur elektronisch unterstützten Führung, Aufklärung und Wirkung seiner Kräfte und Mittel durch das Stören, Täuschen und Neutralisieren seiner elektromagnetischen und akustischen Ausstrahlungen einzuschränken oder ganz auszuschalten.

Laut Torben Schütz, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sowie tätig am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg, werden dabei Funkwellen, Radarwellen oder Infrarotwellen militärisch in drei Hauptbereichen genutzt: Bei der Kommunikation, der Detektion und bei der Orientierung, die über globale Positionsortungssysteme wie GPS, GLONASS und andere gesteuert wird.

Wie das US-Magazin Forbes diesbezüglich am Samstag berichtete, sollen die russischen Einheiten im Rahmen der elektronischen Kampfführung bislang vor allem bei der Desorientierung des Gegners sehr erfolgreich agieren und bereits bis zum Sommer 90 Prozent der ukrainischen Kampf- und Aufklärungsdrohnen unwirksam gemacht haben.

Diese Maßnahmen hätten einen der größten Vorteile Kiews in den ersten Monaten der Kampfhandlungen zunichtegemacht, denn die ukrainischen Truppen setzten zum Beispiel bei ihrem Artilleriekampf auf genaue Aufklärungsinformationen, die durch den Einsatz von Drohnen bereitgestellt werden sollten. Ohne die Drohnenaufklärung aber konnte die den Russen zahlenmäßig unterlegene ukrainische Artillerie nicht mehr auf Präzision setzen, auf die sie sich bis dato stets verlassen hat, heißt es.

Die russische Armee hingegen konnte die Navigation entlang der Front zunehmend effektiv stören und zudem Artillerieangriffe und elektronische Angriffe auf ukrainische Flugzeuge und Drohnen ausüben. „Nachdem die russischen Störungen das GPS verwirrten und den Funkverkehr unterbrachen, begannen diese Drohnen wie Fliegen zu fallen“, so das Magazin.

Von Neo

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