Nachdem große Abbaugebiete für Kohle und andere Bodenschätze unter die Kontrolle von Russland gefallen sind, bringt der Verlust des Zugangs zu ihnen laut einem Bericht der „Washington Post“ Kiew in eine ausweglose Situation.
Die Ukraine habe „die Bausteine ihrer Wirtschaft“ verloren und könnte nach dem Konflikt mit Russland Schwierigkeiten haben, als Industrienation zu bestehen, berichtete die Washington Post am vergangenen Mittwoch. Zu dieser Schlussfolgerung kam ein Leitartikel, der sich auf eine Analyse des Wertes der ukrainischen Kohlevorkommen und anderer wertvoller Mineralien stützt, die jetzt, inmitten des sich hinziehenden militärischen Konflikts, unter russische Kontrolle geraten sind.

Laut SecDev, einem in Ottawa ansässigen Analyseunternehmen, kontrolliert Russland Ressourcen im Wert von über 12 Billionen US-Dollar, die sich vor 2014 noch auf Kiews Hoheitsgebiet befanden. Der Washington Post zufolge macht dabei die Kohle den Löwenanteil der Summe aus. Die kanadischen Forscher identifizierten etwa 30 Milliarden Tonnen Steinkohlevorkommen mit einem geschätzten Handelswert von 11,9 Billionen Dollar, berichtete die Zeitung.

Das schlimmste Szenario wäre, dass die Ukraine zu einem baltischen Staat wird, also zu einer Nation, die nicht mehr in der Lage sein wird, eine industrielle Basis aufrechtzuerhalten„, sagte Stanislaw Sintschenko, Geschäftsführer der in Kiew ansässigen Denkfabrik für Wirtschaftsfragen GMK, der Washington Post.

Ein hochrangiger ukrainischer Beamter des nationalen Geologischen Dienstes sagte der Washington Post, dass die verlorenen Reserven möglicherweise sogar mehr wert seien als in der Schätzung ermittelt. SecDev, das verschiedene westliche Regierungen und Organisationen wie USAID zu seinen Partnern zählt, warnte davor, dass eine Inbesitznahme der ukrainischen Bodenschätze durch Russland auch tiefgreifende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Zukunft von Europa haben würde.

Wenn man Öl, Gas und Kohle nicht rasch diversifiziert und auf erneuerbare Energien sowie Kernenergie umstellt, werden die europäischen Länder in einer gefährlichen Abhängigkeit von russischer Kohle bleiben„,

heißt es im Bericht von SecDev.

In ähnlicher Weise wird Europa auch in Bezug auf Seltene Erden stark von China abhängig bleiben, einem Land, das bereits 98 Prozent des Bedarfs der Europäischen Union deckt„,

fügte der Bericht hinzu und bezog sich dabei auf Pläne innerhalb der EU, die Ukraine dazu zu bringen, die Gewinnung von Seltenen Erden auf seinem Territorium voranzutreiben. Schwermetalle wie Neodym, die für viele moderne Technologien von entscheidender Bedeutung sind, kommen in der Erdkruste relativ häufig vor, aber ihre Gewinnung und Raffination ist mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die Umwelt verbunden.

Für eine Reportage besichtigten Journalisten der Washington Post eine von einem ukrainischen Unternehmen betriebene Mine, was, so die Zeitung, den Besuch von der Vereinbarung abhängig machte, dass der Standort der Mine oder die Nachnamen der Angestellten nicht preisgegeben werden. Die Förderung von Bodenschätzen sei für die Bergbauleute „zu einem Akt des Patriotismus geworden„, heißt es im Bericht. Es gebe wenig, was die russischen Truppen von der Mine fernhalten könnte, wenn die Gemeinden, die zwischen der Mine und der Front liegen, fallen sollten. Die Reportage der beiden Journalisten zeigt mehrere Bilder von Bergbauleuten, die in der Mine arbeiten, wobei jedoch auf einigen davon ihre Gesichter deutlich erkennbar sind.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass westliche Regierungen und Medien auf potenzielle Reichtümer aufmerksam machen, die in den Böden von Nationen schlummern, wenn die USA und ihre Verbündeten Gefahr laufen, den Zugang zu ihnen zu verlieren. Während des Rückzugs der NATO aus Afghanistan vor einem Jahr zitierten Beamte im Pentagon sowie viele Nachrichtenagenturen den geschätzten Wert von einer bis drei Billionen Dollar an Mineralien, die sich im Boden des Landes befinden sollen. Dazu gehören Kupfer, Lithium, Elemente von Seltenen Erden, Edelsteine und andere Kostbarkeiten.

Seit dem 11. August dieses Jahres darf zudem keine russische Kohle mehr in die EU importiert werden. Nach einer Übergangsfrist ist das Kohle-Embargo gegen Russland, das die Mitgliedstaaten der Europäischen Union als Teil des fünften Sanktionspakets im April beschlossen haben, nun vollständig in Kraft. Angesichts eines drohenden Energiemangels beschloss die Bundesregierung, bereits runtergefahrene Kohlekraftwerke wieder ans Netz zu nehmen. Ein Verzicht auf russische Kohle wird somit nicht ganz so einfach sein, weshalb die Länder der Europäischen Union händeringend nach alternativen Kohlelieferanten suchen, etwa die USA, Australien und Indonesien. Laut dem Bundeswirtschaftsministerium bezieht Deutschland den fossilen Brennstoff bereits jetzt zunehmend aus Südafrika und Kolumbien.

Von Morpheus

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