Horst Teltschik, der am 14. Juni seinen 82. Geburtstag feiert, war als außen- und sicherheitspolitischer Berater von Helmut Kohl an den deutsch-deutschen Verhandlungen der Wendezeit und der deutschen Wiedervereinigung beteiligt. Im Interview spricht er mit unserer Redaktion über die Entwicklungen rund um den russischen Krieg in der Ukr@ine.

Herr Teltschik, wie groß ist aktuell die Gefahr eines Dritten Weltkriegs?

Horst Teltschik: Diese Frage kann momentan keiner beantworten, weil wir alle nicht wissen, wie rational Präsident Putin noch agiert oder ob er bereits die Grenze des Irrationalen überschritten hat. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat vor einem nuklearen Krieg gewarnt. Das Problem besteht darin, dass Putin glaubt, einen Sieg zu brauchen – wie immer er aussehen mag. Russland kann es sich nicht leisten, zu verlieren. Das sagen auch wichtige Berater des Kreml, zum Beispiel Sergei Karaganow, den ich seit den 1980er Jahren kenne.

Was heißt das in der Konsequenz?

Dass eine solche nukleare Bedrohung nicht völlig ausgeschlossen werden kann. Die Russen haben in den letzten Jahren wegen der amerikanischen Aufkündigung von Rüstungskontrollvereinbarungen begonnen, neue Kurzstreckenraketen-Systeme mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit zu entwickeln. Der Verdacht liegt nahe, dass sie dafür auch Nuklearköpfe entwickelt haben, die in ihrer Auswirkung begrenzbarer sind als die bisherigen Nuklearwaffen und damit einsetzbarer. Daher befinden wir uns wirklich in einer labilen Situation.

War es insofern strategisch klug von Bundeskanzler Scholz zu sagen, man werde alles tun, um einen Atomkrieg zu verhindern? Hat er damit nicht alle Karten aus der Hand gegeben?

Der Bundeskanzler hat da ein Thema angesprochen, auf das die Bundesrepublik Deutschland den geringsten Einfluss hat. Wenn Nuklearwaffen eingesetzt werden sollten, dann sind vor allem die USA gefragt beziehungsweise die zwei europäischen Nuklearmächte Frankreich und Großbritannien. Alle drei haben größtes Interesse, den Einsatz von Nuklearwaffen zu vermeiden. Die Frage ist nur, wie man verhindern kann, dass Russland am Ende zu dieser Waffe greift, um eine offensichtliche Niederlage abzuwenden.

Welche Motive treiben Putin an?

Das können wir leider alles nur vermuten, denn seine offiziellen Erklärungen sind von einer Art missionarischen Sendungsbewusstsein geprägt, so dass man nicht weiß, wie ernst sie gemeint sind. Mit Sicherheit hat Russland ein Interesse, dass die Ukraine nicht Mitglied der Nato werden kann, dass sie neutral ist und militärisch für Russland keine Bedrohung darstellt, dass die bereits besetzten Gebiete Krim und Donbass einen pro-russischen Status bekommen. Das war auch Bestandteil des Minsker Abkommens. Und man muss natürlich auch die Ukraine fragen, warum sie beim Minsker Abkommen so wenig beweglich war.

Sie selbst sagten in einem Interview vor drei Jahren (Inhalt hinter Bezahlschranke), Sie hätten Putin bei Begegnungen als „charmanten, aufgeschlossenen, offenen Gesprächspartner“ kennengelernt. Wie konnten Sie sich so irren?

Ich habe mich nicht geirrt, denn zu diesem Zeitpunkt war er so. Er war sehr freundlich und ein liebenswürdiger Gastgeber, als wir ihn nach seiner Wahl zum Präsidenten 2000 mehrfach in Russland besuchten. In seiner Rede im Deutschen Bundestag bezeichnete er Russland als „freundliches, europäisches Land“. Es gab damals auch niemanden, der gesagt hat: Hütet euch vor Putin, das ist ein kriegsführender Diktator. Der drastische Entwicklungsprozess war nicht vorauszusehen.

Klar kann man sagen, dass diese Entwicklung aufgrund seiner KGB-Ausbildung und -Vergangenheit bereits angelegt war, aber meine Äußerungen bezogen sich auf das unmittelbare Erlebnis der Begegnung mit ihm – und da war er ein normaler Gesprächspartner, der offen und bereit war, zu diskutieren. Daher bestand die Hoffnung, dass man mit ihm vernünftige Beziehungen entwickeln könne.

Was ist passiert, dass es jetzt, 21 Jahre nach der Bundestagsrede, zu dieser Eskalation kommt?

Passiert ist, dass eine Reihe von ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes Mitglied der Nato wurde. Aus meiner Sicht hätte man darüber nachdenken müssen, ob nicht der vernünftigere Weg gewesen wäre, erst die Mitgliedschaft in der Europäischen Union anzustreben. Dort hätte es auch eine Sicherheitsgarantie gegeben, denn jedes EU-Mitgliedsland ist im militärischen Krisenfall verpflichtet, dem Bündnispartner zur Seite zu stehen. Das gibt’s nicht nur in der Nato. Gleichzeitig hätte man die Einrichtung einer europäischen Freihandelszone verfolgen sollen, die Russland einbindet.

Es soll damals sogar das Angebot gegeben haben, Russland in die Transatlantische Allianz einzubinden…

Ja, US-Präsident Bill Clinton ging so weit, Boris Jelzin die Mitgliedschaft in der Nato anzubieten. Ich selbst habe noch Gespräche im Kreml erlebt, wo man offen war, Mitglied der politischen Organisation der Nato zu werden. Das ist dann nicht weitergeführt worden, dafür gab es die Nato-Russland-Akte, in der sich beide dazu verpflichteten, sich nicht als Gegner zu sehen. Es gab die Pariser Charta von 1990, da wurden Überprüfungskonferenzen auf Staats- und Regierungsebene verabredet. Die fand aber nur ein Mal statt. Es gab später den Nato-Russland-Rat. Ich habe nie verstanden, warum der Nato-Generalsekretär gerade in Krisensituationen diesen Rat nicht einberufen hat. Wenn, dann nur auf Botschafterebene, die sowieso keine Entscheidungen treffen können. Also wir haben eine Reihe von Instrumenten gehabt, die vom Westen nicht gezielt genutzt wurden.

Die Versäumnisse liegen also beim Westen?

Sie liegen auch beim Westen, das ist meine Meinung. Das hat auf russischer Seite immer auch zu Enttäuschungen geführt. Aber natürlich muss man hinzufügen, dass die Russen ihrerseits Anlass dazu gegeben haben, dass man nicht begeistert auf sie zugegangen ist. Es war, wie immer in der Politik, eine Frage des „Give and Take“ – hilf du mir, dann helfe ich dir.

Wussten Sie und Helmut Kohl immer genau, was von den Russen zu erwarten war?

Nein, da wären wir ja Hellseher gewesen. Als Helmut Kohl 1982 Bundeskanzler wurde, hatten wir mit Juri Andropow einen sowjetischen Generalsekretär, der uns damals mit dem Dritten Weltkrieg gedroht hat. Da ging es um die Aufstellung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Deutschland und in Westeuropa. Trotzdem schrieb Helmut Kohl wenige Wochen nach Amtsantritt Andropow einen Brief, um ihm mitzuteilen, wie er sich als neuer Regierungschef die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion vorstellte. Ein gutes halbes Jahr später reiste Kohl mit Genscher zusammen nach Moskau, um Andropow zu treffen und mit ihm generell über die Entwicklung der Beziehungen zu sprechen. Wieder ein halbes Jahr später war Andropow tot.

Wie ging’s dann weiter?

Andropows Nachfolger war Konstantin Tschernjenko. Den hat Kohl auch sofort getroffen, nach dem Motto: Es hilft ja nichts, wir müssen versuchen, auf diplomatischer Ebene die Beziehungen zu entspannen und zu einer Verständigung zu kommen. Doch auch Tschernjenko war damals schon schwer krank – und ein Jahr später tot.

Der nächste Generalsekretär war dann Michail Gorbatschow…

Richtig, und keiner ahnte, was Gorbatschow für eine Politik machen würde. Das erste Gespräch zwischen Kohl und Gorbatschow, ich habe daran teilgenommen, war sehr ernüchternd, denn Gorbatschow hat im Prinzip die Linie seiner Vorgänger vertreten, nämlich solange Deutschland amerikanische Raketen stationiert, werden sich die deutsch-sowjetischen Beziehungen nicht entwickeln.

Kohl hat dann dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan geraten, das Gespräch mit den Sowjets zu suchen und zu verhandeln. Reagan ist auf Gorbatschow zugegangen, und das war der Beginn der Reformpolitik Gorbatschows. Aber so etwas können Sie nicht voraussehen. Sie müssen mit den Staats- oder Regierungschefs reden, ob Sie wollen oder nicht und wer immer sie sind. Aber ich habe immer gesagt: besser reden, als sich die Köpfe einzuschlagen.

Wie wichtig ist bei diesen Gesprächen die persönliche Ebene?

Es ist immer entscheidend, eine Art Vertrauensatmosphäre herzustellen. Gorbatschow hat mir einmal gesagt, wenn er nicht das Vertrauen in Helmut Kohl und George Bush gehabt hätte, wäre vieles anders gelaufen. Sie müssen etwas anbieten, was dann überprüfbar auch zutrifft, damit die andere Seite das Gefühl bekommt, dass man sich an die Sachen hält, die man verspricht. Vertrauen ist die Grundlage des Geschäfts. Im Augenblick sind die Vertrauensbeziehungen zwischen Putin und dem Westen mehr oder weniger tot.

Sehen Sie aktuell irgendjemanden, der für die Seite des Westens überhaupt noch auf dieser Ebene mit Putin verhandeln könnte?

Ja, ich sehe jemand, die Person ist aber nicht mehr im Amt: unsere ehemalige Bundeskanzlerin.

Warum trauen Sie Angela Merkel das zu?

Sie war die Einzige im Westen, die Putin jederzeit anrufen und mit ihm sprechen oder ihn treffen konnte. Leider haben wir nie erfahren, was genau sie im Einzelnen mit ihm besprochen hat. Aber sie hat zum Beispiel 2015 das Minsker Abkommen erreicht. Sie nahm den damaligen französischen Präsidenten François Hollande ans Händchen und fuhr mit ihm nach Moskau. Dort nahmen sie Putin mit, es ging weiter nach Minsk, und nach 17-stündiger Verhandlung stand das Minsker Abkommen. Das Problem war bis zum Schluss, dass sich alle Seiten nicht an dieses Abkommen gehalten haben, auch die Ukrainer nicht.

Aber hat Merkel – zusammen mit ihrem Vorgänger Gerhard Schröder und den Außenministern Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel – Deutschland nicht zu stark von Russland abhängig gemacht?

Ich halte die Diskussion, dass die Ostpolitik der letzten 20 Jahre grundsätzlich falsch gewesen wäre und in eine verhängnisvolle Abhängigkeit geführt hätte, für Irrsinn. Wenn Sie sich die Geschichte der Ost-West-Beziehungen insgesamt ansehen, galt immer die Formel „Sicherheit und Entspannung sind die zwei Seiten der gleichen Medaille“. Wir müssen also auf der Grundlage unserer eigenen Sicherheit Entspannungspolitik betreiben. Auf dieser Grundlage hat zum Beispiel Willy Brandt den alten sowjetischen Vorschlag zur Einrichtung einer Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) aufgegriffen, obwohl Breschnew vorher den Prager Frühling blutig mit Panzern niedergewalzt hatte.

Man hat also immer versucht, eine Politik der Entspannung und Zusammenarbeit zu betreiben – was soll daran falsch gewesen sein? Helmut Kohl hat das fortgesetzt und damit die deutsche Einheit erreicht. Das hätte auch niemand für möglich gehalten. Und was die Energieversorgung angeht: Auch während der vielen Höhepunkte des Kalten Krieges haben die Sowjets immer zuverlässig Erdgas geliefert und da hat sich keiner darüber beschwert und aufgeregt.

Zur Person: Horst Teltschik gehörte ab 1972 zum engsten Beraterkreis von Helmut Kohl. Als außen- und sicherheitspolitischer Berater nahm er an den deutsch-deutschen Verhandlungen der Wendezeit und der deutschen Wiedervereinigung teil und reiste auch mehrmals zusammen mit Kohl nach Russland, um mit dem damaligen sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow und dessen Vertrauten zu verhandeln. In den 1990er Jahren war Teltschik auch in der freien Wirtschaft tätig, unter anderem als Vorstandsmitglied bei BMW. Nach der Jahrtausendwende agierte er als Präsident bei Boeing. Von 1999 bis 2008 leitete Teltschik zudem die Münchner Sicherheitskonferenz. 2019 erschien sein Buch „Russisches Roulette. Vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden“.
  • Horst Teltschik saß mit am Tisch, als Helmut Kohl mit Michail Gorbatschow über die Deutsche Einheit verhandelte.
  • Als ehemaliger Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz hat der inzwischen 81-Jährige nach wie vor gute Beziehungen nach Moskau und Kenntnisse über die russische Politik.
  • Im Interview mit unserer Redaktion spricht er über die drohende Gefahr eines Nuklearkrieges, über Versäumnisse des Westens in der Beziehung zu Russland und über Angela Merkel, der er als einziger zutraut, noch eine persönliche Ebene zu Wladimir Putin zu finden.

Quelle

Von Morpheus

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