Vor 75 Jahren wurde der Begriff ‚Kalter Krieg‘ geprägt. Wenn man heute das Verhältnis zwischen den USA und Russland betrachtet, sieht man, dass er immer noch da ist. Aber er ist immer noch besser als die Alternative.

Im April 1947 wurde der Begriff ‚Kalter Krieg‘ das erste Mal gebraucht, um die geopolitische Kluft zwischen den USA und der Sowjetunion zu bezeichnen.

Die Konfrontation endete mit dem Sturz der UdSSR. Aber geschah das Ende der Spannungen nur in unserer Einbildung?

Während Washington und Moskau im Kampf gegen Nazideutschland unbesiegbare Verbündete waren, konnten die beiden ideologischen Gegner ihre wechselseitige Feindschaft nicht länger verbergen, als der Zweite Weltkrieg 1945 an sein Ende kam. Danach zog ein halbes Jahrhundert lang ein scharfer Frost über den Planeten, und viele fürchteten, dass er im nuklearen Desaster enden könnte.

In diesem Monat vor 75 Jahren prägte Bertrand Baruch, amerikanischer Finanzier und Staatsmann, den Begriff ‚Kalter Krieg‘, um dieses lang anhaltende Patt zu beschreiben. In einer Rede vor einer Delegation von US-Abgeordneten sagte er zu seinen Zuhörern wie in einem Vorgriff auf die Kommunistenhatz der McCarthy-Jahre: „Lassen wir uns nicht täuschen, wir sind heute inmitten eines kalten Krieges. Unsere Feinde finden wir im Ausland wie daheim. Vergessen wir das nie: Unsere Unruhe ist das Herz ihres Erfolges.“

Historiker sind sich weitgehend einig, dass der Kalte Krieg 1947 mit der sogenannten Truman-Doktrin begann, einem Programm der „Einhegung“ gegen Amerikas Erzfeind, wie es der US-Diplomat George Kennan vorgeschlagen hatte, und er dauerte bis zum 26. Dezember 1991, als die Sowjetunion den Geist aufgab. Andere argumentieren, dass er bereits 1945 begann, als Washington in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fallen ließ.

Für Millionen von Menschen auf der ganzen Welt war dies der Anfang des wirklichen Kalten Kriegs, eines wahren Albtraums wie in dem Film Dr. Strangelove, in dem zwei nuklear bewaffnete Lager in einer ideologischen Schlacht um ihre jeweiligen -ismen gefangen waren. In den USA wie in der UdSSR nahmen Schulkinder regelmäßig an Notfallübungen teil (sich unter einen Holztisch kauern, schützte scheinbar vor Strahlung) in Vorbereitung auf das Undenkbare.

Die Welt war einem vollen Nuklearkrieg wohl nie näher als während der Kubakrise 1962 (die in Russland ‚karibische Krise‘ heißt), als sich US-Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Führer Nikita Chruschtschow mit nervenzerreißenden Schritten ohne Gesichtsverlust aus einer Sackgasse herausbewegten, bei der es um die Entfernung amerikanischer Raketen aus der Türkei und sowjetischer aus Kuba ging.

Dreißig Jahre später entschwand die Sowjetunion in die Geschichtsbücher. Fraglich bleibt aber, ob der Kalte Krieg ihr auf diesem Weg folgte oder ob wir schlicht eine Verlängerung dieser dunklen Zeiten erleben.

Nach dem Ende der Sowjetunion stand Russland vor der ungeheuren Herausforderung, von einer Plan- zu einer Marktwirtschaft überzugehen. Zu dieser Zeit legten Russen und US-Amerikaner ihre vergangenen Abneigungen beiseite (personifiziert durch die entspannte Beziehung zwischen Bill Clinton und Boris Jelzin), als westliche Berater die Szene betraten, um bei der Reform der Wirtschaft zu helfen. Seitdem sind die Ergebnisse dieser Bemühungen heiß umstritten.

Unter Einsatz der sogenannten „Schocktherapie“-Techniken der vom IWF betriebenen Liberalisierungen gab Russland Preiskontrollen und staatliche Subventionen auf und privatisierte den zuvor öffentlichen Besitz über ein System von „Kredite gegen Anteile“. Das Endergebnis war, neben anderen Unglücken, eine massive Inflation, Arbeitslosigkeit, endemische Armut, der Aufstieg einer Oligarchenklasse und ein nie zuvor dagewesener Anstieg der Sterblichkeit, die zumindest eine Studie auf die rücksichtslose Liberalisierung zurückführte. Man braucht nicht zu betonen, dass dieser erste Fall einer Zusammenarbeit zwischen den USA und Russland nach dem Ende der Sowjetunion nicht gerade ein vielversprechender Anfang war. Und es sollte nicht besser werden.

Der entscheidende Augenblick in den modernen Beziehungen zwischen den USA und Russland kam im Gefolge der Terrorangriffe des 11. September 2001. Obwohl Wladimir Putin der erste Staatschef der Welt war, der US-Präsident George W. Bush anrief und ihm die bedingungslose Unterstützung Russlands versicherte, erwiderte Washington den Gefallen auf eine Art und Weise, die Moskau nicht so schnell vergessen würde. Nur wenige Monate später, am 13. Dezember 2001, teilte Bush förmlich mit, dass die USA sich vom Vertrag über ballistische Atomraketen (ABM-Vertrag) zurückziehen würden. Der ABM-Vertrag, der 1972 von Washington und Moskau unterzeichnet wurde, erhielt die strategische Parität – und wichtiger noch, den Frieden – zwischen Atommächten, eine Art von Balanceakt, der als „gesicherte wechselseitige Vernichtung“ beschrieben wurde.

Und was taten die USA, kurz nachdem sie das 30 Jahre alte Abkommen verlassen hatten? Sie begannen mit Plänen, ein hochentwickeltes System gegen ballistische Raketen in Polen aufzustellen, nur einen Steinwurf von der russischen Grenze entfernt. Zu dem dieses Jahr Truppen verlagert wurden.

„Die US-Navy hat jüngst Matrosen auf ihren neuesten Stützpunkt verbracht, eine strategische Einrichtung in Nordpolen, die das europäische Raketenabwehrsystem der NATO unterstützt“, berichtete Stars & Stripes im Januar. „Unter Berufung auf operationelle Sicherheit teilte die NATO nicht mit, wie viel Personal dort eingesetzt wurde noch … Details über die Größe oder Struktur der Einrichtung.“

Letztes Jahr führte Michail Chodarenok, ein pensionierter russischer Oberst, in einem Kommentar auf RT aus, was dieses System für die russische und die europäische Sicherheit bedeutet.

„Die Entwicklung des Aegis-Landkomplexes in Polen bereitet Russland Sorgen“, schrieb Chodarenok. „Hier ist das Problem. Das Startsystem Mark 41 kann schnell angepasst und die SM-3-Raketen durch Tomahawk Bodenangriffslenkraketen ersetzt werden.“

„Was soll Russland tun in dieser Lage, wenn eine solche Veränderung des landgestützten Aegis-Systems eine sehr reale Bedrohung seiner nationalen Sicherheit darstellt?“, fragte er.

Es sollte aber niemand denken, dass Moskau nicht eifrig beschäftigt war, Wege zu finden, um auf die Bemühungen der USA und der NATO bei der Errichtung eines Systems zur Abwehr ballistischer Raketen in Osteuropa zu antworten. Tatsächlich machte sich Moskau daran, die US-Raketenabwehrsysteme zu überwinden, sowie Washington, sich aus dem ABM-Vertrag zurückzuziehen. Diese Bemühungen zahlten sich auf eine Weise aus, die die USA vermutlich nicht vorhergesehen haben.

2018 hielt Putin eine recht unorthodoxe Rede zur Lage der Nation, in der er von der Entwicklung von Hyperschallraketen sprach, die so schnell fliegen, dass „Raketenabwehrsysteme gegen sie nutzlos sind, absolut sinnlos“, sagte er.

„Nein, niemand wollte mit uns über den Kern des Problems reden [die US-Raketenabwehrsysteme in Osteuropa] und niemand wollte uns zuhören“, erklärte der russische Staatschef trotzig. „Also hört jetzt zu.“

Moskaus Bedenken wegen der in seinem „nahen Ausland“ errichteten strategischen Militärarchitektur sind kein Geheimnis. Schon 2007 hielt Putin eine Rede vor der Münchner Sicherheitskonferenz, in der er betonte, die NATO-Erweiterung „stellt eine ernsthafte Provokation dar, die das Niveau gegenseitigen Vertrauens verringert“. Und weiter stellte er die rhetorische Frage: „Gegen wen soll sich diese Erweiterung richten?“

An diesem Punkt könnte man viele weitere Seiten mit anderen Bereichen der Beziehungen zwischen den USA und Russland füllen, die zeigen, dass die zwei atomaren Supermächte beide auf ihre Weise den Kalten Krieg überlebt haben mögen, aber die Spuren dessen weiterleben. Von den unbewiesenen Vorwürfen, Russland habe sich in die US-Präsidentschaftswahlen 2016 eingemischt, über Russlands Entscheidung, in den syrischen Bürgerkrieg gegen den Islamischen Staat einzugreifen, bewegen sich die Spannungen zwischen den USA und Russland zurück auf das Niveau des Kalten Kriegs, und ein Stück weiter.

Und jetzt, da die Feindseligkeiten in der Ukraine drohen zu etwas Unkontrollierbarem zu werden, könnte ein guter Zeitpunkt sein zu beten, dass es ein kalter Krieg bleibt und kein heißer wird.

Robert Bridge ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Er ist Autor des Buches „Midnight in the American Empire: How Corporations and Their Political Servants are Destroying the American Dream“. Bridge twittert unter dem Usernamen @Robert_Bridge.

Übersetzt aus dem Englischen.

Quelle: RT

 

Von Morpheus

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