Der Westen muss neue Energiequellen erschließen, um steigende Ölpreise einzudämmen. Die OPEC steht aber an Russlands Seite. Diese Situation könnte Israel und der Türkei die „Chance“ bieten, Erdgas an Europa zu liefern. Wie aber werden Russland und Iran darauf reagieren?
Die Nachwirkungen des Ukraine-Krieges sind mittlerweile im Nahen Osten deutlich zu spüren. Die hektische Suche nach Alternativen zu russischen Öl- und Gaslieferungen hat insbesondere Ölproduzenten in der Region dazu gezwungen, sich in diesem Konflikt zu positionieren. US-Präsident Joe Biden hatte bereits vergeblich von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) gefordert, mehr Öl zu fördern, um damit einen Boykott russischen Öls überhaupt realistisch zu machen. Der britische Premierminister Boris Johnson reiste deswegen Mitte März in die Golfsaaten, um diese dazu zu bewegen, die Ölförderung hochzufahren. Er beendete seine Reise nach Riad und Abu Dhabi aber mit leeren Händen.

Saudi-Arabien als führendes Mitglied des OPEC-Kartells und die VAE sind derzeit die einzigen beiden Ölproduzenten mit erheblichen Kapazitätsreserven. Sie wären theoretisch in der Lage, den Markt nach dem Wunsch des Westens zu stabilisieren – anders als zum Beispiel der Irak, der am Limit seiner Kapazitäten ist.

Die OPEC stellte sich aber bereits auf die Seite Russlands. Das Bündnis hält sich an seinen Plan zur allmählichen Steigerung der Ölfördermenge, wie er auf dem Höhepunkt der Lockdowns wegen der COVID-19-Krise gefasst worden war. Seinerzeit war die Produktion wegen eingebrochener Nachfrage stark gedrosselt worden. Die VAE und Saudi-Arabien wollen sich nämlich an die Förderquoten der OPEC+ halten. Diesem Kreis gehört auch Russland an. Die Allianz mit Russland ist vor allem wichtig für die OPEC, um die Hoheit über die Preise zu behalten und stabile Einnahmen zu garantieren.

Mittlerweile hat der Jemen-Konflikt im Zuge des Ukraine-Krieges auch eine globale Dimension angenommen, da der Westen auf eine erhöhte Ölförderung aus den Golfstaaten drängt, um die Abhängigkeit von russischer Energie zu verringern. Die Ansarollah (Huthis) im Jemen intensivierten in letzter Zeit ihre Vergeltungsangriffe auf Ölfördereinrichtungen in Saudi-Arabien und den VAE. Saudi-Arabien warnte kürzlich, dass seine Fähigkeit zur Gewährleistung der Energiesicherheit angesichts der Huthi-Angriffe auf Aramco nicht mehr garantiert ist.

Die Golfstaaten fühlen sich von den USA längst im Stich gelassen, da sie vom Westen mehr Unterstützung für ihre Intervention im Jemen-Konflikt erwartet hätten. Saudi-Arabien hat zurzeit andere Prioritäten, nämlich die Abwehr Irans in der Region. Die Wiener Gespräche zur Wiederbelebung des Atomdeals mit Iran stehen kurz vor dem Durchbruch. Die US-Amerikaner kooperieren auf einmal mit den Iranern konstruktiver als sonst, da sie die nach den harten Sanktionen gegen Russland steigenden Ölpreise stabilisieren wollen. In den Augen Saudi-Arabiens ist Russland nicht nur ein potenzieller Waffenlieferant, sondern auch das einzige große Land, das Druck auf Iran ausüben könnte. Für Golfstaaten ist kein Verlass mehr auf die USA, vor allem, nachdem sie ihre Truppen schrittweise aus der Region abziehen, um sich auf die Rivalität mit China und Russland auf globaler Ebene zu fokussieren. Mit anderen Worten, der Rückzug der USA aus der Region schuf für die US-Verbündeten ein Klima, in dem viele alte Gewissheiten ins Wanken geraten. Insofern wollten die Golfstaaten nicht das Risiko eingehen, Teil des Konflikts in der Ukraine für die hegemoniale Ambitionen des Westens zu sein.

Die Türkei erklärte bereits, dass sie sich den westlichen Sanktionen gegen Russland nicht anschließen will. Das Land nahm neben Israel eine Vermittlerrolle im Ukraine-Krieg ein. Russland ist ein wichtiger Gas- und Öllieferant. Auch zwei Drittel ihrer Weizenimporte bezieht die Türkei von dort. Dennoch betrachtet der Westen die Türkei in naher Zukunft als Alternative, um Öl- und Gas-Drehkreuz für Europa zu werden und Russland damit zu ersetzen. Dies ergab auch eine Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). „Mit der nun zunehmend realistisch werdenden israelisch-türkischen Energiekooperation“ könne sich die Türkei als Energiehub positionieren, hieß es in dem Papier. Der weltweite Anstieg der Energiepreise angesichts der Sanktionen gegen Russlands könnte auch für Israel die „Chance“ bieten, sein Erdgas an Europa zu liefern.

Israel beliefert bereits Jordanien und Ägypten mit Gas, und es ist eine Untersee-Pipeline geplant, die Erdgas aus den israelischen Gewässern über Zypern direkt nach Europa bringen soll. Diesen Plänen für die sogenannte „EastMed-Pipeline“ wurde von der Biden-Regierung jedoch längst die Unterstützung entzogen – schon vor dem Ausbruch des Ukraine-Krieges.

Eine Pipeline von Israel in die Türkei wäre eine kürzere Alternative, war aber bislang politisch nicht zu realisieren. Ein iranischer Raketenangriff auf Erbil Anfang März, bei dem eine Villa in der kurdischen Region des Irak in die Luft gesprengt worden war, sorgte für Schlagzeilen in Nahen Osten. Es gab zahlreiche Spekulationen darüber, warum Iran die Villa ins Visier genommen hatte. Am Anfang dieser Woche berichtete Reuters, dass in letzter Zeit geheime Gespräche zwischen US-amerikanischen und israelischen Beamten in Erbil geführt worden waren, um die Erdgaslieferungen des Irak über die Türkei nach Europa zu erörterten. Iran toleriert offenbar keine Gasförderungen durch die autonome kurdische Regierung im Irak. Der Gasexportplan könnte unter anderem den Platz Irans als wichtiger Gaslieferant für den Irak und die Türkei bedrohen, während seine Wirtschaft noch weiterhin unter internationalen Sanktionen leidet.

Der steigende Ölpreis dieser Tage erinnert an die Situation Mitte der 70er-Jahre, als OPEC-Staaten aus Protest gegen den Jom-Kippur-Krieg die Förderung eingeschränkt hatten und die Preise in ungekannte Höhen geschnellt waren. Die Welt befindet sich seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges in einem globalen Kampf um Energieressourcen, der Verlauf und Ausgang des Krieges in der Ukraine bestimmen könnte. Dabei steht der Nahe Osten wieder im Fokus, da es in dieser Region Ölproduzenten mit erheblichen Kapazitätsreserven gibt.

Quelle: Eine Analyse von Seyed Alireza Mousavi/RT

Von Trinity

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